Hildegard von Bingen.

Über die Verklärung einer Heiligen aus Bingen und die Klostermedizin des Mittelalters


Medizin des christlichen Mittelalters wird als „Klostermedizin“ im Einzugsbereich der Klöster und als eine Mischung aus Gottesdienst, einfachen Handreichungen, Kräutergarten-Ingredienzen und visionären, schaman-spiritualistischen Einflüssen praktiziert. Ausgangspunkt christlicher Medizin sind das Alte Testament, das Gesundheitsvorschriften enthält, die zwischen dem 8. und 3. Jahrhundert v.u.Z. niedergeschrieben wurden und die Lehren der frühen Kirchenväter Markion, Tatian und Tertullian, die Krankheit als von Gott gesandt betrachten und die Heilkunde als eine verwerfliche Tätigkeit bewerten, da sie in Gottes Heilsplan eingreife. Die Diagnose der damaligen Medizin-Theologen lautet, Gott bestrafe den Sünder, die Kraft der Heiligen helfe besser als „illa philosophia Hippocratis et Galeni“, am besten werde man durch Buße und Anrufung der Heiligen geheilt.

Krankheit, Gott, Kirche und Heilige stellen im Medizinsystem des lateinsprachigen Mittelalters eine feste und unverzichtbare Verbindung dar. Gerade im Mönchtum ist die Vorstellung weit verbreitet, Krankheit sei eine Folge der Sünde und daher letztlich eine Strafe Gottes. Die "Regula sancti Benedicti", die Benedikt von Nursia auf Monte Cassino seinen Mitbrüdern als gültige Ordensregel mit auf den Weg gegeben hatte, sah eine medizinische Behandlung vor allem für Ordensmitglieder und unter der Leitlinie vor, ein Sünder müsse geheilt werden: „Für die Kranken soll man [...] sorgen, so dass ihnen in der Weise gedient wird wie Christus dem Herrn“. Und Erzbischof Gregor von Tours, ein Vollblutkatholik und die geistig führende Persönlichkeit des Merowingerreiches, gelangt zu dem Ergebnis: „Was vermögen Ärzte mit ihren Instrumenten? Sie verursachen mehr Schmerzen, als sie lindern. [...] Unser lieber Heilige dagegen hat nur ein Instrument. Das ist sein Wille. Und nur eine Salbe. Das ist seine Heilkraft“.

Eine schulmedizinische Tradition, die auf den antiken Texten gründet und eine medizinisch-wissenschaftliche Forschung, die die bescheidenen Anregungen Cassiodors aufzunehmen bereit wäre, gibt es nicht. Medizinische Forschung ist überflüssig, einen menschlichen Körper zu anatomischen Zwecken zu öffnen, gilt als ungehörig. Und so wird der Arzt bei der Beichte befragt, ob er in der ärztlichen Praxis an den Traditionen festhalte, oder ob er neue Heilmethoden ausprobiere, die für die Patienten gefährlich sein könnten.

Dieser Mangel an medizinischer Forschung, die wissenschaftsferne Orientierung der Klöster, das Fehlen von Griechischkenntnissen und die wenigen in Latein geschriebenen Vorlagen, wie Rezepthandbücher oder die „sapientia artis medicinae“, erlauben lediglich eine „primitive ärztliche Praxis am Rande von Kloster und Kathedrale“, die geradewegs zu einer Inflation an Wallfahrten als Heilmittel für Krankheiten und zu einer ausufernden Zahl von Schutzheiligen führt, die man für die Heilung bestimmter Leiden verantwortlich macht. Die abschätzigen Berichte des syrischen Emirs Usama ibn Munqid (1095-1188), Berichterstatter von den Kreuzzügen der „Franken“, über die ungeschlachte Heilkunst der christlichen Franken sprechen eine deutliche Sprache: „Der Arzt legte das Bein des Ritters auf einen Hackklotz [...], um es mit einem Schlag abzuhauen [...] Doch wurde der Fuß nicht mit einem einzigen Schlag abgetrennt. Da schlug er nochmals zu, so dass das Knochenmark herausfloß. Der Kranke starb noch auf der Stelle“.

Der Widerwille gegen Körperlichkeit, der keine Darstellung nackter Figuren, wie wir sie aus dem griechischen Umfeld gewohnt sind, zulässt, führt auch den Bischöfen der Synode von Lerida (6. Jahrhundert) die Feder: „Ecclesia abhorret a sanguine“ schreiben sie, die Kirche schreckt vor dem Blute zurück. Dieser Lehrsatz versetzt der wissenschaftlichen und experimentellen Chirurgie den Todesstoß. Chirurgische Eingriffe werden fortan ein Metier von Badern und Wundheilern, während die gelehrten Ärzte auch in Fällen, die ein chirurgisches Vorgehen erfordern (Wunden, Frakturen usw.), sich mit Salben, Kräutern und Umschlägen begnügen müssen, wie das große Sammelwerk der inneren Medizin aus dem 12. Jahrhundert "De aegritudinum curation" beweist. Das Dogma von der blutfreien Medizin wird 1130 und 1163 auf den Konzilen von Clermont und Tours bestätigt. Im 4. Laterankonzil (1215) wird dann die Ausübung operativer Tätigkeiten durch Kleriker gänzlich untersagt.

In diesem Umfeld bewegt sich auch die Benediktiner-Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179). Sie gilt als „Urmutter“ der Alternativmedizin, in deren Mittelpunkt Kräuter, Steine, Beten und Fasten stehen. Hildegard, des Schreibens nur mäßig mächtig, erwirbt sich einen Ruf als Heilerin mit Kräuterkenntnissen und seherischen Fähigkeiten. Sie wird seit ihrem fünften Lebensjahr von Visionen heimgesucht und zieht mit acht Jahren in eine Klause neben dem Benediktinerkloster auf dem Disibodenberg (Nahe) ein. Dort wird sie in Handarbeiten und dem Singen von Psalmen unterrichtet. Einen wissenschaftlichen Drang verspürt sie nicht. Gleichwohl erkennt Heinrich Schipperges, Heidelberger Professor für Geschichte der Medizin, bereits zu Beginn seiner Hildegard-Vita eine „erstaunlich tief verdichtete“ und „ungemein breit angelegte“ Bildung und ein „universal orientiertes Wissen“ einer „bewundernswert hochgebildeten Persönlichkeit“. Wow, denkt der Leser, was für eine Wahnsinnsfrau, die mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen als „Eingemauerte“ (inclusa) auf einem rheinischen Berg hockt und dennoch der „Edelstein Bingens“, die „Posaune Gottes“ und der „Duft des Lebens“ wird. So liest man erwartungsvoll weiter und bekommt sofort die Erklärung: Sie „kannte die Texte der 'Regula Benedicti' und lernte früh den Psalmengesang. Sie meditierte täglich die Liturgie und las immer die Heilige Schrift; sie imponiert uns als vorzügliche Kennerin des Alten Testamentes wie auch der Kirchenväter“. Was, wie zu vermuten ist, eine Garantie für „universal orientiertes Wissen“ darstellt.

Hildegard schreibt mehrere Werke und es ist unklar, ob die ihr zugeschriebenen medizinischen Werke „Physica“ und „Causae et curae“ tatsächlich von ihr stammen, da sie weder zu Hause noch in der Klause Schreiben gelernt hat und keine Originalhandschriften überliefert sind. Unter der Annahme, dass die zitierten Werke aus ihrer Feder stammen, empfiehlt Hildegard eine religiös-ökologische Alternativmedizin, die hinsichtlich Diagnose und Therapie Jahrhunderte hinter den arabischen und mehr als tausend Jahre hinter den griechischen Erkenntnissen zurückbleibt. Schwache Augen, Herzbeschwerden und Darmstörungen seien mit Wasser zu behandeln, in dem ein von der Sonne erwärmter Bergkristall eine Stunde lang gelegen habe. Achatwasser helfe bei Schlafwandeln und Insektenbissen, Karneol wird von Hildegard gegen Nasenbluten empfohlen; anstatt in Wasser müsse er allerdings in erwärmten Wein eingelegt werden, von dem der Betroffene trinken solle. Onyx, in Wein eingelegt, ist Teil einer Suppe, die mit Mehl und Hühnereiern angerührt gegen Magenleiden wirkt. Ein Diamant, so Hildegard, verscheuche den Teufel: „Es gibt Menschen, die ihrem Wesen nach und auch unter teuflischem Einfluß böswillig sind [...] Solche Leute sollen oft, oder noch besser fast dauernd, einen Diamant in den Mund nehmen“. Die Wirkung dieses Steines sei so groß, dass Bösartigkeit und das Böse, das im Menschen stecke, verschwinde. Bei Infektionskrankheiten wie Grippe oder Malaria rät sie, einen Smaragd in den Mund zu nehmen. Depressive sollen einen Aquamarin auflegen, Veilchen in Wein trinken und den Körper mit Fenchelsaft einreiben. Dazu empfiehlt Hildegard regelmäßiges Beten und Buße und mahnt en passant, dass sich der „niedere Stand nicht über den höheren erhebe“, denn niemand könne auf den Gedanken kommen, Rinder, Esel und Schafe unterschiedslos in einem Stall zusammenzupferschen.

Hildegard von Bingen kennzeichnet die Spätphase einer Medizin, die sich als „Klostermedizin“ unter Kennern einen eher zweifelhaften Ruf verdient. Der Name steht für eine Religionsmedizin, unter deren Einfluss in Mitteleuropa mehr als fünfhundert Jahre mit magisch-mythisch-schamanenhaften Methoden, unter weitgehend fehlender Kenntnisnahme der vorhandene klassisch-wissenschaftlichen und arabischen Medizinliteratur, am Kranken herumgedoktert worden ist. Eine „Heldin des Mittelalters“ werde Hildegard heute genannt, meint der Historiker Martin Kintzinger ohne sichtbare Distanz. Seine Hymne auf die Volksheilige wird von der „Star Entertainment GmbH“, Berlin noch übertroffen: Hildegard von Bingen sei nicht nur Medizinfrau und Seherin gewesen, sondern „eine große Dichterin und Komponistin“, die „größte Heldin des Mittelalters“. Hildegard wird am 7. Oktober 2012 von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben. Ihre Reliquien können in der Pfarrkirche von Eibingen verehrt werden.


Aus: Rolf Bergmeier, Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende. Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur, 2014, 2. Auflage, 240 S. Dort auch Quellen und Literatur.